BAM — Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung

Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin ist eine Bundesoberbehörde mit ca. 1.700 Mitarbeitenden, hoheitlich tätig in Materialprüfung, Gefahrgut und Sprengstoffzulassung — und eine der renommiertesten Forschungsadressen für Werkstoffprüfer in Deutschland.

Was ist die BAM?

Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) ist eine wissenschaftlich-technische Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz. Sie hat ihren Hauptsitz in Berlin und beschäftigt rund 1.700 Mitarbeitende, davon mehr als 700 wissenschaftlich tätig. Die BAM ist kein gewerblicher Prüfdienstleister, sondern eine Forschungseinrichtung mit hoheitlichen Aufgaben — und gleichzeitig eine der weltweit führenden Adressen für hochwertige Materialprüfung, Referenzmaterialien und sicherheitstechnische Begutachtung.

Für Werkstoffprüfer ist die BAM in mehrfacher Hinsicht relevant: Sie entwickelt Prüfverfahren mit, gibt zertifizierte Referenzmaterialien (CRMs) heraus, betreibt einzigartige Großgeräte (Synchrotron-CT, Neutronenstrahlung), bewertet im Schadensfall hoheitlich (z.B. nach Bahn- oder Druckbehälter-Unfällen) und ist eine angesehene Arbeitgebermarke für Werkstoffwissenschaftler und ZfP-Spezialisten.

Geschichte und Status

Die BAM in heutiger Form entstand 1987 durch Zusammenführung der Staatlichen Materialprüfungsanstalt Berlin (gegründet 1871) und der Bundesanstalt für Materialprüfung. Damit reicht die institutionelle Tradition über 150 Jahre zurück — die BAM ist eine der ältesten Materialprüfanstalten der Welt.

Sie ist weisungsgebundene Bundesoberbehörde und wird vollständig aus dem Bundeshaushalt finanziert. Drittmittel aus Industrie- und Forschungsprojekten bilden eine Ergänzung, machen aber nur einen kleineren Teil des Budgets aus. Die BAM agiert daher unabhängig von Auftraggeberinteressen — ein wichtiger Unterschied zu privaten Prüfdienstleistern.

Aufgaben und Tätigkeitsfelder

Das Aufgabenspektrum der BAM ist breit und durch das BAM-Errichtungsgesetz definiert:

1. Forschung und Entwicklung

Die BAM betreibt Grundlagen- und angewandte Forschung in praktisch allen Disziplinen der Werkstoff- und Sicherheitstechnik. Schwerpunktthemen aktuell: Wasserstofftechnologie, additive Fertigung (3D-Druck), digitale Materialprüfung, kreislauffähige Werkstoffe, KI-basierte Auswertung von ZfP-Daten. Jährlich publizieren BAM-Wissenschaftler mehrere hundert Fachartikel in begutachteten Zeitschriften.

2. Hoheitliche Prüfung und Zulassung

Die BAM ist gesetzlich beauftragt mit:

  • Gefahrgut-Verpackungen — Bauartprüfung von Behältern für die Beförderung gefährlicher Güter (ADR/RID/IMDG/IATA)
  • Sprengstoffe und pyrotechnische Erzeugnisse — Zulassungsprüfungen nach Sprengstoffgesetz
  • Sicherheitstechnische Begutachtung — z.B. nach Schadensfällen, Großhavarien, Pipeline-Brüchen, Eisenbahnunfällen
  • Druckgeräteüberwachung in Sonderfällen
  • Endlagerung radioaktiver Abfälle — sicherheitstechnische Zuarbeit

3. Referenzmaterialien (CRMs)

Die BAM ist eine der weltweit führenden Stellen für die Herausgabe zertifizierter Referenzmaterialien. Diese werden von Prüflaboren genutzt, um Geräte zu kalibrieren oder die Richtigkeit eigener Messverfahren nachzuweisen. Beispiele:

  • Stahl-Referenzproben für Spektralanalyse und chemische Analyse
  • Polymer-CRMs für Materialcharakterisierung
  • Härte-Referenzplatten für Vickers, Brinell, Rockwell
  • Fehlernormale für UT, ET und MT

Wer im Prüflabor mit BAM-CRMs arbeitet, hat im Akkreditierungsaudit ein starkes Argument für die Rückverfolgbarkeit seiner Messergebnisse auf nationale Normale.

4. Normungsmitarbeit

BAM-Mitarbeitende sitzen in zahlreichen DIN-, CEN- und ISO-Normungsausschüssen und prägen technische Regelwerke mit — von Werkstoffprüfnormen über Sicherheitsstandards bis hin zu Gefahrgutregelungen. Wer eine deutsche oder europäische ZfP-Norm liest, liest oft indirekt BAM-Beiträge mit.

5. Wissenstransfer

Die BAM betreibt umfangreichen Wissenstransfer: öffentliche Datenbanken (z.B. zu Werkstoffkennwerten), kostenfreie technische Berichte, Fachseminare, Doktorandenprogramme und Kooperationen mit Hochschulen.

Standorte und Großgeräte

Hauptsitz Berlin

Der Hauptcampus liegt in Berlin-Steglitz (Unter den Eichen 87) und beherbergt die meisten Abteilungen. Hier befindet sich auch das öffentliche BAM-Forum, in dem regelmäßig Fachveranstaltungen stattfinden.

Außenstelle Adlershof

Im Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof betreibt die BAM Labore zur chemischen Analyse, Polymeranalytik und Prozesssicherheit.

Testgelände Technische Sicherheit (TTS) in Horstwalde

Auf dem rund 12 km² großen Gelände bei Baruth/Mark werden Großversuche durchgeführt: Sprengtests, Brandprüfungen an Tanks und Gefahrgutbehältern, Stoßprüfungen an Containern und vieles mehr. Es ist eines der wenigen europäischen Testgelände dieser Art.

Großgeräte

Einige der einzigartigen Forschungsinfrastrukturen, an denen die BAM beteiligt ist:

  • BESSY II — Synchrotron-Tomographie für hochauflösende 3D-Materialuntersuchungen (gemeinsam mit Helmholtz-Zentrum Berlin)
  • Neutronenstrahlung — Eigenspannungsanalyse mit Neutronen, Kooperationen mit FRM-II und ESS
  • Hochauflösende CT-Anlagen für Schäden- und Defektanalyse bis in den Submikrometer-Bereich
  • Akustische Emission, PAUT, Mikro-CT für die Erforschung digitaler ZfP

Berufliche Bedeutung für Werkstoffprüfer

BAM als Arbeitgeber

Die BAM beschäftigt zahlreiche technische Mitarbeiter, Werkstoffprüfer und technische Assistenten in Werkstoff- und Prüflaboren. Die Bezahlung erfolgt nach TVöD-Bund. Vorteile gegenüber der Privatwirtschaft: hohe Jobsicherheit, abwechslungsreiche Forschungsthemen, Zugang zu Spitzentechnik. Nachteile: oft niedrigere Gehälter als in spezialisierten Industrieunternehmen, und freie Stellen sind kompetitiv.

Wer bei der BAM arbeitet, taucht tief in die wissenschaftliche Seite der Werkstoffprüfung ein und hat exzellente Möglichkeiten zur Weiterbildung — viele BAM-Werkstoffprüfer machen nebenberuflich einen Techniker- oder Meisterabschluss oder einen Bachelor.

BAM als Auftragnehmer für externe Prüfungen

Die BAM nimmt in begrenztem Umfang auch Prüfaufträge aus der Industrie an, vor allem bei besonderen technischen Anforderungen, die von kommerziellen Prüflaboren nicht abgedeckt werden können. Beispiele: hochauflösende Synchrotron-CT an additiv gefertigten Bauteilen, Ringversuche zur Überprüfung von Prüflaborergebnissen, Schadensgutachten bei großen Havarien.

BAM in der Schadensaufklärung

Bei größeren Industrieunfällen — Pipeline-Bruch, Brückeneinsturz, Eisenbahnunfälle wie ICE Eschede — wird die BAM oft hoheitlich oder gutachterlich hinzugezogen. Die metallographischen, fraktographischen und werkstofftechnischen Befunde der BAM bilden in solchen Fällen die fachliche Grundlage für Strafverfahren und politische Konsequenzen.

BAM-Veröffentlichungen und Datenquellen

BAM-Schriftenreihen

Die BAM gibt mehrere wissenschaftliche und technische Schriftenreihen heraus, die für Werkstoffprüfer eine wertvolle Ressource sind. Vieles ist als kostenfreier PDF-Download über die BAM-Website verfügbar.

Online-Datenbanken

  • BAM-Datenbank gefährlicher Stoffe — Stoffeigenschaften, Sicherheitskennwerte
  • Sprengstoffzulassungen — öffentliche Zulassungsdatenbank
  • Gefahrgutverpackungs-Zulassungen — UN-Zulassungen mit BAM-Prüfzeichen
  • Forschungsdatenrepositorium — Open-Access-Veröffentlichungen aus BAM-Projekten

BAM-Konferenzen und Workshops

Regelmäßige Veranstaltungen, an denen Werkstoffprüfer aus Industrie und Behörden teilnehmen können — Schwerpunktthemen wie Additive Fertigung, Wasserstoffsicherheit, Eisenbahnsicherheit oder Mess- und Referenzwesen.

Internationale Vernetzung

Die BAM ist Teil einer engen internationalen Forschungsvernetzung:

  • NIST (USA) — National Institute of Standards and Technology, häufiger Kooperationspartner
  • NPL (UK) — National Physical Laboratory
  • LNE (Frankreich), VNIIM (Russland), NMIJ (Japan) — staatliche Materialinstitute
  • EURAMET — europäisches Metrologie-Netzwerk
  • Beteiligung an EU-Forschungsrahmenprogrammen (Horizon Europe)

BAM und ZfP — konkrete Beispiele

In der zerstörungsfreien Prüfung hat die BAM in den letzten Jahren mehrere prägende Projekte vorangetrieben:

  • Digitale Radiographie — Mitentwicklung industrietauglicher digitaler Detektoren
  • Computertomographie für additiv gefertigte Bauteile — Identifikation typischer Fehler im Pulverbett-Verfahren
  • POD-Studien (Probability of Detection) — wissenschaftliche Validierung der Erkennungswahrscheinlichkeit von ZfP-Verfahren, oft im Auftrag der Bahn oder Luftfahrt
  • Wasserstoffinduzierte Risse — Forschung zu Werkstoffschäden durch Wasserstoff, höchst relevant für die Energiewende
  • KI-basierte Schweißnaht-RT-Auswertung — Erforschung von Deep-Learning-Modellen zur automatischen Filmbewertung

Berufseinstieg bei der BAM

Wer als Werkstoffprüfer bei der BAM arbeiten möchte, findet folgende typische Wege:

  • Berufsausbildung — die BAM ist staatlich anerkannter Ausbildungsbetrieb für Werkstoffprüfer/innen (Fachrichtung Metalltechnik) und bildet jährlich mehrere Auszubildende aus
  • Direkteinstieg nach Ausbildung als technischer Mitarbeiter im Labor (TVöD E 6–E 9, abhängig von Qualifikation)
  • Quereinstieg mit Techniker-/Meisterabschluss in einem höheren Tarifbereich
  • Wissenschaftliche Mitarbeiter mit Bachelor/Master/Promotion in Werkstoffwissenschaften, Maschinenbau, Physik
  • Praktika und Werkstudenten — niedrigschwelliger Einstieg, oft Sprungbrett zur Festanstellung

Was die BAM-Ausbildung besonders macht

Auszubildende bei der BAM erleben eine breitere fachliche Palette als in vielen Industrieausbildungen — von klassischer Mikroskopie über Spektrometrie bis zu modernsten ZfP-Verfahren. Auch die Theorieanteile (Werkstoffkunde, Metallographie, ZfP-Grundlagen) sind sehr fundiert. Für junge Menschen, die langfristig im Forschungsumfeld arbeiten möchten, ist die BAM-Ausbildung eine erstklassige Adresse.

Häufige Fragen

Kann ich als Privatperson Bauteile bei der BAM prüfen lassen?

In der Regel nein. Die BAM nimmt nur Aufträge an, die in ihren hoheitlichen Aufgabenbereich oder in ein Forschungsprojekt fallen. Für gewerbliche Prüfaufträge sind akkreditierte Prüflabore die richtige Adresse.

Verleiht die BAM Zertifikate für Werkstoffprüfer?

Nein. Personenzertifizierungen nach EN ISO 9712 erfolgen über akkreditierte Stellen wie die DGZfP, TÜV, DEKRA oder spezialisierte Anbieter. Die BAM ist Forschungs- und Prüfanstalt, keine Personenzertifizierungsstelle.

Wo finde ich BAM-Forschungsdaten und -Veröffentlichungen?

Auf der BAM-Website unter dem Open-Access-Repositorium. Viele Berichte und Promotionen sind kostenfrei als PDF verfügbar — eine ausgezeichnete Recherchequelle für Werkstoffprüfer, die sich in spezielle Themen einlesen wollen.

Wie unterscheidet sich die BAM von der DGZfP?

Die DGZfP ist ein Fachverband mit Personenzertifizierungsstelle und Schulungsbetrieb. Die BAM ist eine Forschungs- und Prüfbehörde. DGZfP ist für die individuelle Karriere relevant (Zertifikate, Verbandsleben, Schulungen). BAM ist für Großforschung, Schadensaufklärung und nationale Referenzaufgaben zuständig. In der Praxis ergänzen sich beide.

Fazit

Die BAM ist für Werkstoffprüfer keine alltäglich präsente Institution — anders als die DGZfP. Aber sie steht in zentralen Schlüsselrollen: als Arbeitgeber für hochqualifizierte Werkstoffprüfer und Materialwissenschaftler, als Quelle für Referenzmaterialien und kalibrationsfähige Geräte, als Schadensaufklärer in Großhavarien und als treibende Kraft hinter der digitalen Transformation der ZfP.

Wer die deutsche Werkstoffprüflandschaft verstehen will, sollte die BAM kennen. Wer bei der BAM arbeitet oder dort eine Ausbildung absolviert, hat in der Industrie hervorragende Anschlusschancen — die fachliche Reputation der BAM ist im deutschsprachigen Raum nahezu konkurrenzlos.

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Inhaltsverzeichnis
Relevante Normen
  • BAM-Errichtungsgesetz
  • ADR
  • RID
  • SprengG
  • BetrSichV
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BAM Berlin · Unter den Eichen 87 · ~1.700 Mitarbeitende · Bundesoberbehörde · gegründet 1871/1987

Ausbildung bei der BAM

Staatlich anerkannter Ausbildungsbetrieb für Werkstoffprüfer/innen — eine der renommiertesten Adressen in Deutschland.