MG

Metallographie

Zerstörend
Die Metallographie untersucht Gefüge und Mikrostruktur metallischer Werkstoffe durch Schliffherstellung, chemisches Ätzen und Lichtmikroskopie. Sie ist ein Kernbestandteil der Werkstoffprüfer-Ausbildung und Qualitätssicherung.
Geltende Normen

DIN EN ISO 643, ASTM E 112, DIN EN 10247, EN ISO 17639, DIN 50602

Was ist Metallographie?

Die Metallographie macht das innere Gefüge eines Werkstoffs sichtbar. Sie ist zerstörend — die Probe wird entnommen, mechanisch und chemisch präpariert und dann unter dem Mikroskop ausgewertet. Sie ist das wichtigste analytische Werkzeug zur Beurteilung von:

  • Wärmebehandlungszuständen (gehärtet, angelassen, geglüht)
  • Schweißnahtqualität (Bindefehler, Gefügeumwandlungen im WEZ)
  • Schadensursachen (Risse, Einschlüsse, Korrosion, Überhitzung)
  • Legierungszusammensetzung (qualitativ)
  • Korngrößenbestimmung nach ASTM E 112 / DIN EN ISO 643

Probenentnahme und Trennung

Die Probe muss repräsentativ für den zu prüfenden Bereich sein. Trennverfahren:

  • Trennschleifen (nass): häufigste Methode, Kühlmittel verhindert Wärmeeinbringung
  • Drahterodieren (EDM): für härteste Werkstoffe ohne Wärmeeintrag
  • Sägen: für weiche Metalle (Aluminium, Kupfer)

Regel: Keine Wärme erzeugen — Überhitzung verändert das Gefüge und verfälscht das Ergebnis.

Einbetten

Kleine Proben werden in Kunststoff eingebettet für einfacheres Handling:

  • Warmeinbettung (Phenol-/Epoxidharz): unter Druck und Wärme gepresst — ca. 150 °C, 15–20 kN
  • Kalteinbettung (Acrylharz): ohne Presse, polymerisiert bei Raumtemperatur — für temperaturempfindliche Proben

Schleifen und Polieren

Die eingebettete Probe wird schrittweise bis zur Spiegeloberfläche gebracht:

  1. Planschleifen: Körnung 180–320 — Trennschaden abtragen
  2. Feinschleifen: Körnung 500–1200 — Kratzer reduzieren
  3. Polieren: 3 μm Diamantsuspension → 1 μm → 0,05 μm Al₂O₃ (OP-S) — spiegelblank

Jede Stufe muss die Kratzer der vorherigen vollständig entfernen. Polierrichtung je Stufe um 90° drehen.

Ätzen

Chemische Ätzmittel greifen Korngrenzen und Gefügebestandteile unterschiedlich stark an und machen das Gefüge unter dem Mikroskop sichtbar:

ÄtzmittelWerkstoffGefüge sichtbar
Nital (2–5 % HNO₃ in Ethanol)Stahl, GusseisenMartensit, Perlit, Ferrit, Karbide, Korngrenzen
Pikrinsäure (Pikral)StahlKorngrenzen (besser als Nital)
Keller-ÄtzmittelAluminiumKorngrenzen, Ausscheidungen
V2A-BeizeAustenitischer StahlKorngrenzen, Sigma-Phase
MurakamiHartmetall, WerkzeugstahlKarbide

Mikroskopie und Auswertung

Auflichtmikroskopie (Hellfeldbeleuchtung ist Standard) bei Vergrößerungen 50×–1000×:

  • Korngrößenbestimmung: Linienschnittverfahren oder Vergleich mit Normbildern (ASTM E 112, EN ISO 643)
  • Gefügebestandteile identifizieren: Ferrit (hell), Perlit (lamellar), Martensit (nadelförmig), Bainit, Zementit
  • Fehler bewerten: Einschlüsse (nach EN 10247), Seigerungen, Risse, Poren
  • Härtegefüge nach Wärmebehandlung: Randhärtungstiefe, Einsatzhärtungstiefe (CHD)

Rasterelektronenmikroskopie (REM)

Für höhere Auflösung und Tiefenschärfe (keine Einbettung nötig, aber Leitfähigkeit erforderlich):

  • Bruchflächenanalyse (Fraktographie): Versprödung vs. Duktilbruch
  • EDX-Analyse: Elementzusammensetzung von Phasen und Einschlüssen

Normen

  • DIN EN ISO 643: Mikrophotographische Bestimmung der Ferritkorngrößen
  • ASTM E 112: Korngrößenbestimmung (US-Standard)
  • DIN EN 10247: Gefügebewertung nichtmetallischer Einschlüsse
  • DIN 50602: Einschlussrating (zurückgezogen, aber noch referenziert)
  • EN ISO 17639: Zerstörende Prüfung von Schweißnähten — Makro- und Mikroschliff

Anwendungsgebiete

Schweißnahtqualität und WEZ-Beurteilung, Wärmebehandlungskontrolle (Härtungstiefe, Gefügezustand), Schadensanalyse (Ursachenforschung bei Bauteilversagen), Rohmaterialeingangskontrolle (Einschlüsse, Seigerungen), Korngrößenbestimmung für Eigenschaftsvorhersage

✓ Vorteile
  • Direkte Sichtbarkeit des Gefügezustands
  • Gleichzeitige Beurteilung mehrerer Werkstoffeigenschaften
  • Unverzichtbar zur Schadensanalyse und Qualitätssicherung
  • Hohe Bildwirkung — Befunde eindeutig dokumentierbar
  • Kombinierbar mit Härtemessung am Schliff
✗ Nachteile
  • Zerstörend — Probenentnahme erforderlich
  • Zeitaufwändig (Schliffpräparation 30–120 Minuten)
  • Repräsentativität abhängig von Probenentnahmeort
  • Ätzchemikalien (HNO₃, Pikrinsäure) erfordern Arbeitsschutz
  • Hohe Qualifikationsanforderungen an den Auswerter