VT

Sichtprüfung

Zerstörungsfreie Prüfung (ZfP)
Die Sichtprüfung (VT — Visual Testing) ist das grundlegendste ZfP-Verfahren: Die systematische Beurteilung von Oberflächen mit dem Auge oder optischen Hilfsmitteln — und trotzdem ein hochspezialisiertes Qualifikationsfeld.
Geltende Normen

EN ISO 17637, DIN EN 970

Grundprinzip der Sichtprüfung

Die Sichtprüfung (VT — Visual Testing) umfasst die direkte und indirekte Beurteilung von Oberflächen auf Unregelmäßigkeiten. Direkte VT erfolgt mit dem bloßen Auge (Abstand < 600 mm, Beleuchtung > 500 Lux), indirekte VT nutzt Spiegel, Endoskope, Videoskope oder Drohnen für schwer zugängliche Bereiche.

Obwohl scheinbar einfach, stellt die normgerechte Sichtprüfung hohe Anforderungen: Prüfer müssen Fehlerbilder kennen, Beleuchtungsbedingungen beurteilen, Maßtoleranzen einhalten und Befunde systematisch dokumentieren.

Was macht ein VT-Werkstoffprüfer?

  • Vorbereitung: Sicherstellen ausreichender Beleuchtung (EN ISO 3059), ggf. Endoskop einrichten
  • Systematische Prüfung: Oberfläche nach festgelegtem Muster absuchen, Maß- und Formabweichungen prüfen
  • Schweißnahtprüfung VT: Nahtgeometrie, Kantenversatz, Durchbrände, Poren nach EN ISO 5817
  • Dokumentation: Fotodokumentation, Skizzen, Bericht mit Bewertung nach Bewertungsgruppe B/C/D
  • Freigabe: Bauteil nach Prüfung für weitere ZfP-Verfahren oder Einsatz freigeben/sperren

VT-Prüfer sind in fast jeder Branche tätig. Besonders in der Schweißtechnik ist VT die gesetzlich vorgeschriebene Erstprüfung vor jeder anderen ZfP-Maßnahme.

Einsatzbranchen

  • Stahlbau / Schweißtechnik: Pflichtprüfung nach EN ISO 17637 vor weiterer ZfP
  • Luft- und Raumfahrt: MRO-Prüfungen an Zellen und Triebwerken (EN 4179)
  • Infrastruktur: Brücken, Krane, Offshore-Strukturen — Fernsichtprüfung mit Drohnen
  • Anlagentechnik: Innere Behälterinspektion mit Videoskopen
  • Qualitätssicherung: Eingangs- und Endkontrolle in der gesamten Fertigungsindustrie

Zertifizierung für Werkstoffprüfer

Zertifizierung nach EN ISO 9712, Stufen 1–3. VT ist oft der Einstieg in die ZfP-Karriere, da die Schulungszeiten kürzer sind. Stufe 2 VT (ca. 9 h Training + 6 Monate Erfahrung) berechtigt zur eigenständigen Prüfung. Sehvermögen wird nach EN ISO 9712 alle 2 Jahre überprüft.

Anwendungsgebiete

Schweißnahtprüfung nach EN ISO 5817, Eingangs- und Endkontrolle in der Fertigung, Inspektion schwer zugänglicher Bereiche mit Endoskopen, Überwachung von Korrosion an Behältern und Brücken, Bauteilfreigaben in der Luft- und Raumfahrt.

✓ Vorteile
  • Schnell, kostengünstig und ohne Hilfsmittel einsetzbar
  • Kein Koppelmittel, keine Strahlung, keine chemischen Mittel
  • Erste Prüfmaßnahme bei jeder Qualitätskontrolle
  • Optische Instrumente (Endoskop, Drohne) erweitern den Einsatzbereich
  • Breite Normbasis — Grundlage für alle anderen ZfP-Verfahren
✗ Nachteile
  • Nur Oberfläche — keine innere Fehlererkennung
  • Subjektiv — abhängig von Erfahrung und Tagesform des Prüfers
  • Zugang zur Prüffläche zwingend erforderlich
  • Kleine Fehler an unzugänglichen Stellen leicht übersehen