Zweck und Bedeutung
Schweißnahtlehren sind mechanische Prüfmittel zur messtechnischen Beurteilung der Schweißnahtgeometrie im Rahmen der Sichtprüfung (VT, Visual Testing). Sie ergänzen die visuelle Beurteilung durch quantitative Messwerte und ermöglichen den Nachweis der Einhaltung von Nahtmaßen gemäß Zeichnungs- oder Normanforderungen. Die Prüfung der Nahtgeometrie ist Bestandteil der Schweißnahtabnahme nach EN ISO 17637 (Sichtprüfung von Schmelzschweißverbindungen) und nach zahlreichen Regelwerken (AD 2000, ASME, DVS-Richtlinien).
Messgrößen
Typische mit Schweißnahtlehren erfassbare Messgrößen sind:
- Nahtüberhöhung (h): Überschuss des Schweißgutes über die Bauteiloberfläche; Maximalwert nach EN ISO 5817 abhängig von Bewertungsgruppe und Nahtbreite
- Nahtbreite (b): Breite der Schweißraupe an der Oberfläche
- Kantenversatz (l): Versatz beider Fügeteile gegeneinander in Dickenrichtung (linear misalignment)
- Winkelverzerrung: Winklige Fehlstellung der Fügeflächen nach dem Schweißen
- Kehlnahtmaß a und z: Theoretische (a) und tatsächliche (z) Kehlnahtgröße bei Kehlnähten
- Einbrandtiefe / Wurzelöffnung: An zugänglichen Wurzelseiten messbar
Lehrentypen
Verschiedene Lehrenkonstruktionen sind für unterschiedliche Anwendungen optimiert:
- Cambridge-Schweißlehre: Kombiniertes Messinstrument mit drehbarem Zeiger, misst Nahtüberhöhung, Nahtbreite, Unterschnitte und Kantenversatz. Weit verbreitet in der Praxis.
- Hi-Lo-Gauge: Speziell für den Innenkantenversatz bei Rohren und Behältern. Ein verschiebbarer Stift misst den Höhenunterschied beider Rohrenden unmittelbar an der Fügezone.
- Fillet-Weld-Gauge (Kehlnahtlehre): Messschablonen in verschiedenen Größen zur Bestimmung von a-Maß und z-Maß bei Kehlnähten durch Anlegen der Schablone an die Naht.
- GAL-Gage (General Application Gauge): Mehrzwecklehre mit Noniusskala für präzise Messungen von Nahtüberhöhung, Unterschnitt, Kantenversatz und Rauheit.
Material und Kalibrierung
Schweißnahtlehren werden aus korrosionsbeständigem Edelstahl (1.4301 oder gleichwertig) gefertigt, um Beständigkeit gegenüber Schweißspritzern, Reinigungsmitteln und rauen Baustellenbedingungen zu gewährleisten. Obwohl es sich um einfache mechanische Messmittel handelt, unterliegen sie dem Prüfmittelmanagement: Kalibrierintervalle, Kennzeichnung mit Identifikationsnummer, Kalibriernachweis und definierte Außerbetriebnahme bei Beschädigung oder Überschreitung des Kalibrierintervalls sind erforderlich.
Dokumentation
Die mit Schweißnahtlehren ermittelten Messwerte sind im Sichtprüfbericht zu dokumentieren. Anzugeben sind Messort, gemessene Größe, Istwert, Sollwert/Grenzwert und Bewertung (i.O. / n.i.O.). Bei der Abnahmeprüfung von Druckgeräten oder Bauprodukten sind die Messwerte Bestandteil der Konformitätsdokumentation.