Schallwellen in der Ultraschallprüfung – physikalische Grundlagen

Longitudinal-, Transversal- und Oberflächenwellen, Schallgeschwindigkeit, akustische Impedanz, Reflexion und Brechung – die physikalischen Grundlagen der Ultraschallprüfung verständlich erklärt.

Was ist Schall?

Schall ist eine mechanische Schwingung von Teilchen in einem elastischen Medium. Im Gegensatz zu Licht braucht Schall immer ein Medium (Festkörper, Flüssigkeit, Gas) — im Vakuum gibt es keinen Schall. Die Ultraschallprüfung nutzt Frequenzen zwischen 0,5 MHz und 20 MHz (Hörschall: 20 Hz – 20 kHz).

Wellentypen

Longitudinalwellen (L-Wellen, Druckwellen)

Teilchenbewegung parallel zur Ausbreitungsrichtung. Breiten sich in allen Medien aus (Festkörper, Flüssigkeiten, Gase). Höchste Schallgeschwindigkeit im Festkörper.

  • Stahl: cL ≈ 5 920 m/s
  • Aluminium: cL ≈ 6 320 m/s
  • Titan: cL ≈ 6 100 m/s
  • Wasser: cL ≈ 1 480 m/s (Koppelmittel)

Transversalwellen (T-Wellen, Scherwellen)

Teilchenbewegung senkrecht zur Ausbreitungsrichtung. Nur in Festkörpern möglich (Flüssigkeiten und Gase haben keine Scherfestigkeit). Schallgeschwindigkeit etwa halb so groß wie Longitudinalwellen: cT ≈ 3 250 m/s in Stahl. Standardwelle für Winkelprüfköpfe (35°, 45°, 60°, 70°).

Oberflächenwellen (Rayleigh-Wellen)

Elliptische Teilchenbewegung, nur in einer Tiefe von etwa einer Wellenlänge unter der Oberfläche. cR ≈ 0,92 × cT. Sehr empfindlich für Oberflächenfehler, aber störanfällig gegen Geometrie.

Lamb-Wellen (geführte Plattenwellen)

In dünnen Platten und Rohren: Überlagerung von L- und T-Wellen. Symmetrische (S) und antisymmetrische (A) Moden. Nutzbar für große Flächenabdeckung bei dünnen Blechen und Rohren (Guided Wave UT).

Akustische Impedanz

Z = ρ × c (Dichte × Schallgeschwindigkeit), Einheit: Pa·s/m (Rayl)

MaterialZ (MRayl)
Stahl46,7
Aluminium17,3
Wasser1,48
Luft0,00043
Kunststoff (PE)2,0

An Grenzflächen mit großem Impedanzsprung (Stahl–Luft) wird fast 100 % des Schalls reflektiert. Deshalb wird Koppelmittel (Wasser, Gel) zwischen Prüfkopf und Werkstück benötigt.

Reflexion und Brechung

Trifft ein Schallstrahl schräg auf eine Grenzfläche, gilt das Snellius-Gesetz:

sin(α₁)/c₁ = sin(α₂)/c₂

Ab dem 1. kritischen Winkel (c₁/c₁L₂) tritt nur noch T-Welle durch. Ab dem 2. kritischen Winkel (c₁/c₂T) entsteht Totalreflexion — der Prüfkopfwinkel wird so gewählt, dass nur T-Wellen ins Prüfmaterial eindringen (Winkelprüfkopf-Prinzip).

Nahfeld und Fernfeld

Der Schallstrahl eines Prüfkopfs ist nicht ideal gebündelt. Im Nahfeld (N = D²/(4λ)) entstehen Interferenzerscheinungen → Empfindlichkeitsschwankungen. Im Fernfeld nimmt die Amplitude mit 1/r ab. Empfindlichkeitsjustierung sollte daher im Fernfeld erfolgen.