Für die Oberflächenrissprüfung stehen zwei klassische Verfahren zur Wahl: die Magnetpulverprüfung (MT) und die Eindringprüfung (PT). Die Entscheidung ist in der Praxis oft schon durch den Werkstoff vorgegeben — aber nicht immer.
Das K.-o.-Kriterium: der Werkstoff
MT funktioniert nur an ferromagnetischen Werkstoffen — un- und niedriglegierte Stähle, ferritische Chromstähle. Austenitische Edelstähle, Aluminium, Kupfer, Titan und Nickelbasislegierungen scheiden aus: Hier ist PT gesetzt. Die eigentliche Vergleichsfrage stellt sich also nur bei ferromagnetischen Bauteilen.
Wo MT im Vorteil ist
- Leicht unter der Oberfläche liegende Fehler: MT zeigt auch dichtungsnahe Fehler bis ca. 1–2 mm Tiefe (je nach Magnetisierung) — PT findet ausschließlich oberflächenoffene Fehler.
- Geschwindigkeit: Magnetisieren, besprühen, bewerten — MT ist deutlich schneller als die PT-Prozesskette mit Eindring-, Zwischenreinigungs- und Entwicklungszeiten.
- Toleranz gegenüber Oberflächenzustand: MT verzeiht dünne Beschichtungen (bis ca. 50 µm) und raue Oberflächen besser.
- Wirtschaftlichkeit in der Serie: stationäre Magnetisierungsbänke prüfen hohe Stückzahlen mit reproduzierbarer Feldstärke.
Wo PT im Vorteil ist
- Werkstoffunabhängigkeit: alle dichten, nicht porösen Werkstoffe — auch Keramik und Kunststoff.
- Komplexe Geometrien: keine Magnetisierungsrichtung zu beachten; ein Tauchbecken erfasst das ganze Bauteil in einem Durchgang, Fehler jeder Orientierung werden angezeigt.
- Keine Entmagnetisierung nötig: nach MT müssen viele Bauteile entmagnetisiert werden (Schweißen, Lager, Elektronik) — dieser Schritt entfällt.
- Einfachste Ausrüstung: drei Spraydosen genügen für die Baustelle.
Normen und Bewertung
MT an Schweißnähten läuft nach EN ISO 17638 mit Zulässigkeitsgrenzen nach EN ISO 23278; PT nach EN ISO 3452-1 mit Grenzen nach EN ISO 23277. Beide Verfahren fordern definierte Besichtigungsbedingungen (Beleuchtungsstärke, bei fluoreszierender Prüfung UV-Bestrahlungsstärke und abgedunkelte Umgebung).