Prüfverfahren im Vergleich — Welche Fehler findet welches Verfahren?

Übersicht aller ZfP-Verfahren (RT, UT, MT, PT, ET, VT) und ihrer Eignung für verschiedene Fehlertypen. RT ideal für Poren und Schlacke, UT für planare Fehler (Risse, Bindefehler), MT/PT nur Oberfläche (MT nur ferromagnetisch), ET für leitfähige Werkstoffe (Oberfläche). In kritischen Anwendungen werden Verfahren kombiniert.

Grundprinzip der Verfahrenswahl

Kein einzelnes ZfP-Verfahren ist universell optimal. Die Wahl des geeigneten Verfahrens richtet sich nach dem Fehlertyp (planar oder voluminös, Lage und Orientierung), dem Werkstoff (ferromagnetisch, elektrisch leitfähig, Geometrie), dem Prüfzweck (Herstellungsprüfung, wiederkehrende Prüfung) und den normativen Anforderungen. In kritischen Anwendungen (Druckbehälter, Luft- und Raumfahrt) werden systematisch mehrere Verfahren kombiniert (Mehrfachverfahren-Strategie).

Übersichtstabelle: Fehlertyp × Prüfverfahren

Fehlertyp RT UT MT PT ET VT
Poren (kugelig)★★★ sehr gut★★ bedingt✗ nur Oberfläche✗ nur Oberfläche
Röhrenpore / Wurmfraß★★★ sehr gut★★ bedingt
Schlackeneinschlüsse★★★ sehr gut★★ gut
Wolframeinschlüsse★★★ sehr gut★ bedingt
Oberflächenrisse★ bedingt★★ gut★★★ (ferromag.)★★★ alle Mat.★★ leitf. Mat.★ sichtbar
Bindefehler (planar)★ bedingt★★★ sehr gut
Wurzelbindefehler★★ gut★★★ sehr gut
Kaltrisse in HAZ★ bedingt★★★ sehr gut★★★ sehr gut★★ gut
Einbrandkerbe★★ gut★ bedingt★★ gut★★★ sehr gut★ bedingt★★ sichtbar
Kantenversatz★★ gut★ bedingt★★★ sehr gut
Korrosion (Oberfläche)★ bedingt★★ gut★★★ sehr gut★★ sichtbar
Wanddickenabnahme★★ gut★★★ sehr gut★★ gut

Radiografische Prüfung (RT)

Ideal für: Volumetrische Fehler (Poren, Schlacke, Hohlräume), Wurzeldurchfall, Wolframeinschlüsse. RT liefert ein permanentes, geometrisch maßstabsgerechtes Abbild der Schweißnahtstruktur. Schwächen: Planare Fehler (Risse, Bindefehler) sind nur nachweisbar, wenn ihre Fläche nahezu parallel zur Strahlrichtung steht (Winkelabhängigkeit). RT erfordert Strahlenschutz, ist bei großen Wanddicken aufwändig und liefert keine Tiefeninformation. Norm: EN ISO 17636-1/2, ASME V Art. 2.

Ultraschallprüfung (UT)

Ideal für: Planare Fehler (Risse, Bindefehler, Lamellentearing), Wanddicke, volumetrische Fehler bei ausreichender Größe. UT liefert dreidimensionale Fehlerortung und ist für alle Materialien und Wanddicken geeignet. Schwächen: Poren sind kugelig und reflektieren kaum Schall zurück; grobkörnige Werkstoffe (Austenit, Nickel) verursachen starkes Rauschen. Norm: EN ISO 17640, ASME V Art. 4/5.

Magnetpulverprüfung (MT)

Ideal für: Oberflächen- und oberflächennahe Risse (bis ca. 2 mm Tiefe) in ferromagnetischen Werkstoffen (Baustahl, niedriglegierte Stähle). Sehr hohe Empfindlichkeit für feine Risse; fluoreszierendes Verfahren (UV-Licht) noch empfindlicher. Grenzen: Nur ferromagnetische Werkstoffe; nur Oberfläche und Nahoberfläche; Entmagnetisierung nach Prüfung erforderlich. Norm: EN ISO 17638, ASME V Art. 7.

Eindringprüfung (PT)

Ideal für: Oberflächenrisse aller Materialien (auch Aluminium, Titan, Kunststoff). Einfach, kostengünstig, portable. Grenzen: Ausschließlich Oberflächenfehler mit offenem Zugang zur Oberfläche (keine überlackierten oder verpressten Risse). Norm: EN ISO 3452-1, ASME V Art. 6.

Wirbelstromprüfung (ET)

Ideal für: Oberflächenrisse in elektrisch leitfähigen Werkstoffen, Korrosionsnachweis, Schichtdickenmessung, Rohrprüfung (innen/außen). Berührungslos, schnell, automatisierbar. Grenzen: Nur leitfähige Werkstoffe; Skineffekt begrenzt Eindringtiefe stark bei ferromagnetischem Stahl. Norm: EN ISO 15548-1, ASME V Art. 8.

Sichtprüfung (VT)

Ideal für: Sichtbare Oberflächenfehler (Einbrandkerbe, Überwölbung, Kantenversatz, Durchfall, Zündstellen). Erste und kostengünstigste Prüfung — sollte immer zuerst durchgeführt werden. Qualifizierter Prüfer benötigt ausreichende Beleuchtung (≥ 500 lx). Norm: EN ISO 17637, ASME V Art. 9.

Mehrfachverfahren-Strategie

In sicherheitsrelevanten Anwendungen (Druckbehälter nach ASME VIII, Kernkraft nach IAEA SSG-39, Luft- und Raumfahrt nach EN 9100) werden systematisch zwei oder mehr komplementäre Verfahren kombiniert: z. B. RT + UT für Schweißnähte (RT für Volumenfehler, UT für planare Fehler), MT + UT nach Schweißen hochfester Stähle (MT für oberflächennahe WIC, UT für tiefe Risse), PT + PAUT für Titanlegierungen. Die Anforderungen für Verfahrenskombinationen sind in den jeweiligen Produkt- oder Anwendungsnormen geregelt.

Quellen & weiterführende Literatur
Kategorie
zfp
Inhaltsverzeichnis
Relevante Normen
  • EN ISO 17636-1
  • EN ISO 17640
  • EN ISO 17638
  • EN ISO 3452-1
  • EN ISO 15548-1
  • EN ISO 17637
  • ISO 17636-1
  • ISO 17640
  • ISO 17638
  • ISO 3452-1
Verwandte Artikel
Ausbildungszentren

Kurse und Zertifizierungen (z. B. EN ISO 9712).

Zentren anzeigen
Jobs über hyrr

Aktuelle Jobs in QS, ZfP und Werkstoffprüfung.

Jobs ansehen
Karriere starten

Einstieg in Ausbildung und Qualifizierung.

Karrierewege