Zugversuch

Tensile Test nach EN ISO 6892 — die wichtigste mechanische Werkstoffprüfung

Grundprinzip des Zugversuchs

Beim Zugversuch wird eine normierte Probe mit konstanter Prüfgeschwindigkeit bis zum Bruch gedehnt. Die dabei auftretende Kraft F wird über einen Kraftaufnehmer, die Verlängerung ΔL über ein Extensometer gemessen. Aus Kraft und Querschnitt ergibt sich die Spannung σ, aus Verlängerung und Ausgangsmesslänge die Dehnung ε.

Wichtige Normen
  • EN ISO 6892-1: Zugversuch bei Raumtemperatur (Metalle)
  • EN ISO 6892-2: Zugversuch bei erhöhter Temperatur
  • DIN 50125: Probenkörper für Zugversuche
  • EN ISO 377: Probenentnahme aus Halbzeugen
  • ASTM E8: US-amerikanische Norm für Zugversuche

Das Spannungs-Dehnungs-Diagramm

Das Herzstück des Zugversuchs ist das Spannungs-Dehnungs-Diagramm (σ-ε-Diagramm). Es zeigt den Verlauf der Spannung (in MPa oder N/mm²) über der Dehnung (in %) und charakterisiert das Werkstoffverhalten vollständig.

Bereiche des Diagramms (am Beispiel Baustahl)

Bereich 1: Elastischer Bereich

Linearer Anstieg: σ = E · ε (Hookesches Gesetz). Das Hooksche Gesetz gilt bis zur Proportionalitätsgrenze σP. Keine bleibende Verformung.

Bereich 2: Streckgrenze / Fließbereich

Bei Stahl: obere Streckgrenze ReH und untere Streckgrenze ReL erkennbar. Plastische Verformung beginnt — Probe verlängert sich ohne Kraftanstieg (Lüderssche Bänder).

Bereich 3: Gleichmäßige Verfestigung

Kraft und Spannung steigen wieder an (Kaltverfestigung). Dehnung gleichmäßig verteilt über Messlänge. Endet an Zugfestigkeit Rm (Maximum der Kraft).

Bereich 4: Einschnürung und Bruch

Nach Erreichen von Rm schnürt die Probe ein. Lokale Dehnung an Einschnürung. Kraft fällt bis zum Bruch. Bruchdehnung A und Einschnürung Z werden gemessen.

Werkstoffkennwerte aus dem Zugversuch

Zugfestigkeit Rm

Rm (Tensile Strength) ist das Verhältnis der maximalen Prüfkraft Fmax zum ursprünglichen Querschnitt S₀:

Rm = Fmax / S₀ [N/mm² = MPa]

Sie beschreibt die höchste Belastung, die ein Werkstoff aushält. Typische Werte:

  • Baustahl S235: Rm ≥ 360 MPa
  • Feinkornbaustahl S690: Rm = 770–940 MPa
  • Aluminium EN-AW-6082: Rm ≥ 310 MPa
  • Titanlegierung Ti-6Al-4V: Rm ≥ 895 MPa
  • Hochfeste Schrauben 12.9: Rm ≥ 1.220 MPa

Streckgrenze Rp0,2 und ReH / ReL

Bei Werkstoffen mit ausgeprägter Streckgrenze (Baustahl) werden gemessen:

  • ReH: Obere Streckgrenze — erster Kraftabfall nach elastischem Anstieg
  • ReL: Untere Streckgrenze — niedrigster Wert im Fließplateau

Bei Werkstoffen ohne ausgeprägte Streckgrenze (Aluminium, austenitischer Stahl) wird die 0,2%-Dehngrenze Rp0,2 bestimmt: Die Spannung bei 0,2% bleibender Dehnung (Parallelverschiebung der Geraden im elastischen Bereich).

Bruchdehnung A (%)

A (Elongation at Break) beschreibt die plastische Verlängerung der Probe beim Bruch bezogen auf die Ausgangsmesslänge L₀:

A = (Lu - L₀) / L₀ × 100 [%]

A ist ein Maß für die Duktilität des Werkstoffs. Schreibweise: A₅ (L₀ = 5·d) oder A₈₀ (L₀ = 80 mm). Typische Werte: Stahl A ≥ 20–26%, Aluminium 8–12%, Gusseisen GJL 0,5–1%.

Brucheinschnürung Z (%)

Z (Reduction of Area) ist die Querschnittsabnahme an der Bruchstelle:

Z = (S₀ - Su) / S₀ × 100 [%]

Hohe Z-Werte (Z > 50%) zeigen duktiles Versagen. Spröde Werkstoffe haben Z ≈ 0%.

Elastizitätsmodul E

Aus der Steigung des linearen Bereichs ergibt sich der Elastizitätsmodul E (Young's Modulus): E = σ / ε. Konstant für jeden Werkstofftyp:

  • Stahl: E ≈ 210.000 MPa (210 GPa)
  • Aluminium: E ≈ 70.000 MPa (70 GPa)
  • Titan: E ≈ 114.000 MPa (114 GPa)
  • Kupfer: E ≈ 120.000 MPa (120 GPa)

Probenformen (DIN 50125)

FormTypAnwendung
ARundprobe, proportional (L₀ = 5d)Stäbe, Drähte, Stangen
BFlachprobe, proportionalBleche t ≥ 3 mm
CFlachprobe, kurz (L₀ = 50 mm)Bleche, breite Proben
EFlachprobe aus RohrenRohrlängsproben
HGewindeköpfeSchrauben, Befestiger

Prüfgeschwindigkeit nach EN ISO 6892-1

EN ISO 6892-1 definiert zwei Methoden zur Geschwindigkeitsregelung:

  • Methode A (dehnungsgeregelt): Dehngeschwindigkeit über Extensometer kontrolliert — genauere Streckgrenzenmessung
  • Methode B (traversengeregelt): Prüfmaschinen-Traversengeschwindigkeit konstant — einfacher, aber ungenauer

Interpretation und Fehlerbilder

  • Duktiler Bruch: Kelch-Kegel-Bruch, ausgeprägte Einschnürung, hohe A und Z-Werte
  • Spröder Bruch: Glatte, kristalline Bruchfläche, kaum Einschnürung, geringe A
  • Mischbruch: Teils duktil, teils spröd — z.B. bei Kerbwirkung oder tiefen Temperaturen
  • Schräger Bruch (Schubbruch): 45°-Bruch — typisch für sehr duktile Werkstoffe (Cu, Al)
Zerstörende Prüfung
Schnellübersicht
RmZugfestigkeit (MPa)
Rp0,20,2%-Dehngrenze (MPa)
ReHOb. Streckgrenze (MPa)
ABruchdehnung (%)
ZEinschnürung (%)
EE-Modul (GPa)
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