Wasserstoffinduzierte Kaltrisse (WIC) — Ursachen und Nachweis

Wasserstoffinduzierte Kaltrisse (WIC) entstehen durch diffusiblen Wasserstoff, empfindliches Gefüge (Martensit) und Zugeigenspannungen — mit verzögerter Rissbildung bis 72 h nach dem Schweißen. Risikofaktoren: CE > 0,45, HD ≥ 15 ml/100 g. Nachweis: MT/PT + UT frühestens 24–48 h nach Schweißen gemäß EN 1011-2.

Mechanismus der wasserstoffinduzierten Rissbildung

Wasserstoffinduzierte Kaltrisse (WIC; englisch: Hydrogen-Induced Cracking, HIC; auch Hydrogen-Assisted Cracking, HAC) entstehen durch das Zusammenwirken von drei Faktoren:

  1. Diffusibler Wasserstoff (H₂): Atomarer Wasserstoff gelangt aus Feuchtigkeit in Elektroden, Schutzgas oder Grundwerkstoffoberfläche während des Schweißens in flüssiges Schmelzgut und in die Wärmeeinflusszone (HAZ).
  2. Empfindliches Gefüge: Martensitisches oder bainitisches Gefüge mit hoher Härte (> 350 HV10 gilt als kritisch) in der HAZ ist anfällig; kubisch-raumzentriertes Gitter besitzt geringe H-Löslichkeit.
  3. Zugeigenspannungen: Schweißeigenspannungen und Schrumpfspannungen treiben die Rissöffnung.

Atomarer Wasserstoff diffundiert im Austenit schnell, im Martensit/Ferrit jedoch langsam. An Versetzungen, Leerstellenhäufungen und Korngrenzen reichert sich H an, erniedrigt die lokale Bruchenergie (HELP-Mechanismus: Hydrogen-Enhanced Local Plasticity oder HEDE: Hydrogen-Enhanced Decohesion) und führt zur verzögerten Rissbildung — oft erst Stunden bis Tage nach dem Schweißen.

Risikofaktoren im Detail

Kohlenstoffäquivalent (CE)

Das Kohlenstoffäquivalent beschreibt die Härtbarkeit des Stahls beim schnellen Abkühlen:

CE = C + Mn/6 + (Cr+Mo+V)/5 + (Ni+Cu)/15 (nach IIW)

Richtwerte: CE ≤ 0,40 → unbedenklich; CE 0,40–0,45 → Vorwärmung empfohlen; CE > 0,45 → Vorwärmung zwingend erforderlich.

Wasserstoffgehalt (HD)

Klassifikation nach ISO 3690 / EN ISO 3690:

  • HD
  • HD 5–10 ml/100 g: niedrig
  • HD 10–15 ml/100 g: mittel
  • HD ≥ 15 ml/100 g: hoch → hohes WIC-Risiko

Wärmeeinbringung

Niedrige Wärmeeinbringung führt zu schneller Abkühlung (t₈/₅ kurz), hartem Martensit und erschwerter H-Diffusion. Hohe Wärmeeinbringung erhöht t₈/₅, verlangsamt Abkühlung und fördert Wasserstoffentweichen — verringert aber Kerbschlagzähigkeit durch Kornvergröberung.

Vermeidungsmaßnahmen

Vorwärmen

Vorwärmen erhöht t₈/₅, verlangsamt die Abkühlung, reduziert die Martensitbildung und fördert die H-Diffusion aus der HAZ. Vorwärmtemperaturen nach EN 1011-2 (Methode A oder B) in Abhängigkeit von CE, Werkstoffdicke, Wärmeeinbringung und HD-Klasse. Typisch: 50–200 °C für S690Q, gemessen mit Kontaktthermometer oder Thermochromstiften.

Trockene Elektroden / Rücktrocknen

Basische Stabelektroden (z. B. E 42 5 B 42 H5) müssen bei 250–350 °C für 1–2 h getrocknet werden. Feuchtigkeitsaufnahme durch Lagerung in Raumluft erhöht HD deutlich. Elektroden aus geöffneten Packungen innerhalb von 4–8 h verbrauchen oder in beheiztem Köcher lagern (≥ 150 °C).

Wärmenachbehandlung (PWHT)

Spannungsarmglühen bei 550–620 °C für 1 h/25 mm Wanddicke senkt Eigenspannungen, fördert H-Ausdiffusion und verbessert Zähigkeit der HAZ. Vor PWHT: sorgfältige Vorprüfung auf vorhandene Risse.

Nachweis — Prüfstrategie

Zeitfenster

Da WIC-Risse verzögert entstehen, sind Prüfungen unmittelbar nach dem Schweißen unzuverlässig. Empfohlene Wartezeiten vor der Abschlussprüfung:

  • Standardstähle (CE ≤ 0,40): 16–24 h
  • Hochfeste Stähle (CE 0,40–0,45): 24–48 h
  • Hochlegierte / sehr hochfeste Stähle (CE > 0,45): 48–72 h

Verfahrenswahl

  • MT (Magnetpulverprüfung): Primärverfahren für oberflächennahe HAZ-Risse; DC-Magnetisierung bevorzugt für tiefere Wirktiefe. Empfindlichkeit für feine Risse sehr hoch.
  • PT (Eindringprüfung): Alternativ für nichtmagnetisierbare Bereiche; weniger empfindlich für feine Unterraupenrisse.
  • UT (Ultraschallprüfung): Für tieferliegende Risse (> 2 mm von Oberfläche); PAUT mit Sektorscans entlang der HAZ; Winkelprüfköpfe 60°/70°.
  • TOFD: Höchste Empfindlichkeit für planare Fehler; liefert genaue Tiefeninformation.

Normbezug

EN 1011-2 (Empfehlungen zum Schweißen ferritischer Stähle), EN ISO 3690 (Bestimmung des Wasserstoffgehalts), EN ISO 9016 (Kerbschlagbiegeversuch), NACE TM0284 (HIC-Test für Druckbehälter), ISO 15156 (H₂S-Umgebungen).

Quellen & weiterführende Literatur