Die Frage „Ultraschall oder Röntgen?" gehört zu den häufigsten Entscheidungen in der Schweißnahtprüfung. Beide Verfahren sind volumetrisch, beide normativ etabliert — und doch unterscheiden sie sich fundamental in dem, was sie zuverlässig finden.
Was findet welches Verfahren?
Die Ultraschallprüfung (UT) ist stark bei flächigen, ungünstig orientierten Fehlern: Bindefehler, Risse und mangelnde Durchschweißung reflektieren den Schallimpuls hervorragend, wenn sie quer zur Schallrichtung liegen. Die Durchstrahlungsprüfung (RT) ist dagegen unschlagbar bei volumetrischen Fehlern: Poren, Schlackeneinschlüsse und Wurzelfehler bilden sich als deutliche Schwärzungsunterschiede ab.
| Fehlertyp | UT | RT |
|---|---|---|
| Risse (flächig, senkrecht zur Oberfläche) | sehr gut | nur bei günstiger Orientierung |
| Bindefehler | sehr gut | schlecht |
| Poren | mäßig | sehr gut |
| Schlackeneinschlüsse | mäßig bis gut | sehr gut |
| Wurzelfehler | gut | sehr gut |
Normenlage
Für UT an Schweißnähten gilt EN ISO 17640 (Prüftechnik) mit den Zulässigkeitsgrenzen nach EN ISO 11666. RT wird nach EN ISO 17636-1 (Film) bzw. 17636-2 (digital) durchgeführt, bewertet nach EN ISO 10675-1. Die Auswahl des Verfahrens regelt übergeordnet EN ISO 17635 — sie ordnet Werkstoffgruppe, Nahtdicke und Bewertungsgruppe einem geeigneten Verfahren zu.
Praktische Entscheidungskriterien
- Wanddicke: Unter ca. 8 mm ist RT meist im Vorteil (UT-Bewertung dünner Nähte ist anspruchsvoll); ab ca. 40 mm wird RT zunehmend unwirtschaftlich, UT bleibt praktikabel.
- Zugänglichkeit: UT braucht nur eine Seite, RT beide (Quelle und Detektor).
- Strahlenschutz: RT erfordert Sperrbereiche, Genehmigungen und unterbricht oft den Baustellenbetrieb — in Fertigungshallen ein erheblicher Kostenfaktor.
- Dokumentation: RT liefert ein bildhaftes, intuitiv archivierbares Ergebnis. Moderne UT-Verfahren (Phased Array, TOFD) haben hier aufgeholt und sind nach DIN EN ISO 13588 ebenfalls voll dokumentierbar.
- Geschwindigkeit und Kosten: UT ist meist schneller und günstiger, sobald Strahlenschutzaufwand ins Spiel kommt.
Der Trend: mechanisierte UT ersetzt RT
In vielen Regelwerken — etwa im Pipelinebau und Druckbehälterbau — ist mechanisierte Ultraschallprüfung (AUT, Phased Array, TOFD) inzwischen als vollwertiger RT-Ersatz anerkannt. Treiber sind Strahlenschutzkosten, Prüfgeschwindigkeit und die bessere Erkennbarkeit flächiger Fehler. RT behält seine Domäne bei dünnwandigen Bauteilen, Mischverbindungen und überall dort, wo das Regelwerk es explizit fordert.