Hochfeste Stähle — Prüfanforderungen und typische Fehler

Hochfeste Stähle (R_e ≥ 690 MPa, z. B. S690Q–S960Q) werden in Offshore, Kränen und Druckbehältern eingesetzt. Typische ZfP-Risiken: wasserstoffinduzierte Kaltrisse (WIC) in der HAZ, Lamellentearing und Spannungsrisskorrosion. Prüfung (MT + UT) mindestens 24–48 h nach dem Schweißen gemäß EN 1011-2.

Definition und Klassifikation

Hochfeste Stähle werden definitionsgemäß mit einer Streckgrenze Re ≥ 690 MPa eingestuft. Die wichtigsten Gruppen sind:

  • Thermomechanisch gewalzte Feinkornbaustähle (z. B. S690Q, S890Q, S960Q nach EN 10025-6): Streckgrenze 690–960 MPa, bevorzugt im Kranbau, Brückenbau und Offshore.
  • Vergütungsstähle (z. B. 42CrMo4, 34CrNiMo6): Durch Abschrecken und Anlassen hohe Festigkeit bei guter Zähigkeit; Einsatz in Druckbehältern, Achsen, Getriebewellen.
  • Hochfeste schweißgeeignete Feinkornstähle: Kohlenstoffäquivalent (CE) bewusst niedrig gehalten, um Schweißbarkeit zu gewährleisten.
  • Martensitisch-aushärtende Stähle (Maraging): Sehr hohe Festigkeit (> 1700 MPa) durch intermetallische Ausscheidungen in nahezu kohlenstofffreier Martensitmatrix.

Typische Einsatzbereiche

Offshore-Strukturen (Jackets, Tripods), Mobilkräne und Teleskopausleger, Druckbehälter und Rohrleitungen (ASME Div. 1/2), Brücken und Stahlhochbau, Bergbaufahrzeuge, Windenergieanlagen (Türme, Flansche).

Typische ZfP-Risiken und Fehlerarten

Wasserstoffinduzierte Kaltrisse (WIC)

Hochfeste Stähle sind aufgrund ihrer hohen Härte und eingeschränkten Diffusionskapazität besonders anfällig für wasserstoffinduzierte Kaltrisse (Hydrogen-Induced Cracking, HIC; auch Hydrogen-Assisted Cracking, HAC). Wasserstoff diffundiert aus der Schweißzone in die Wärmeeinflusszone (HAZ) und verursacht dort — oft erst Stunden bis Tage nach dem Schweißen — verzögerte Rissbildung. Die Risse verlaufen bevorzugt in der HAZ parallel zur Bindenaht (Unterraupenfehler, Unterperlitfehler).

Verzugsrisse und Lamellentearing

Bei T-Stoß- und Kreuzverbindungen können Schweißeigenspannungen zu Lamellentearing (Lamellenrissen) führen, wenn der Stahl in Dickenrichtung (z-Richtung) schlechte Duktilität aufweist (Sulfideinschlüsse). Nachweis: UT, bevorzugt PAUT.

Spannungsrisskorrosion (SCC)

In korrosiven Medien (H₂S, Chloride) sind hochfeste Stähle anfällig für Spannungsrisskorrosion. Relevante Norm: NACE MR0175 / ISO 15156 für H₂S-haltige Umgebungen.

Prüfstrategie

Zeitlicher Ablauf

Aufgrund der verzögerten Rissbildung bei WIC sind Prüfungen unmittelbar nach dem Schweißen unzureichend. Die Normen EN 1011-2 und EN ISO 15614-1 fordern für hochfeste Stähle eine Wartezeit von mindestens 24 bis 48 Stunden (bei CE > 0,45 empfohlen: 72 h) vor der Abschlussprüfung.

Verfahrenswahl

  • MT (Magnetpulverprüfung): Oberflächen- und oberflächennahe Risse in der HAZ; bevorzugte Erstprüfung nach Wartezeit.
  • PT (Eindringprüfung): Alternativ zu MT für ferritische Stähle; weniger empfindlich für oberflächennahe Unterperlitfehler.
  • UT (Ultraschallprüfung): Für tieferliegende Risse (> 2 mm); PAUT und TOFD für Schweißnahtprüfung nach EN ISO 13588.
  • RT (Röntgenprüfung): Gut für Poren, Schlacke; planare Fehler nur bei günstiger Orientierung nachweisbar.

Wärmebehandlung (PWHT)

Spannungsarmglühen nach dem Schweißen reduziert Eigenspannungen und fördert Wasserstoffdiffusion. PWHT-Überprüfung: Dokumentation der Haltezeit und -temperatur, anschließende Härteprüfung (HB/HV) zur Verifikation.

Normbezug

EN 1011-2 (Schweißen hochfester Stähle), EN ISO 15614-1 (Schweißverfahrensprüfung), EN 10025-6 (Lieferbedingungen), EN ISO 9015-1 (Härteprüfung), ASME IX (Druckbehälter USA), AWS D1.1 (Stahlbau USA).

Quellen & weiterführende Literatur