Digitaler Zwilling in der Werkstoffprüfung

Ein digitaler Zwilling speichert alle ZfP-Prüfdaten (UT, IR, VT, ET) georeferenziert über den Bauteil-Lebenszyklus, ermöglicht FEM-basierte Prüfplanung und Trendanalyse für Korrosionsüberwachung. Herausforderungen: Datenmenge, Formatstandardisierung (NDE 4.0), Interoperabilität.

Definition und Konzept

Ein digitaler Zwilling ist ein virtuelles, datengetriebenes Abbild eines realen physischen Objekts — im Kontext der Werkstoffprüfung typischerweise eines Bauteils, einer Schweißnaht, einer Anlage oder eines Systems. Im Unterschied zu einem einfachen CAD-Modell oder einer Datenbank enthält der digitale Zwilling alle relevanten Zustandsinformationen über den gesamten Lebenszyklus: Konstruktionsdaten, Fertigungsparameter, Ergebnisse aller ZfP-Prüfungen, Betriebsdaten (Last, Temperatur, Betriebsstunden) und Instandhaltungshistorie.

Speicherung von Prüfdaten im Lebenszyklus

Die Werkstoffprüfung erzeugt im Lebenszyklus eines Bauteils große Mengen strukturierter und unstrukturierter Daten:

  • Ultraschall (UT): A-, B-, C-Scans mit räumlicher Koordinate, Prüfkopfparametern und Bewertung — im digitalen Zwilling georeferenziert hinterlegt
  • Thermografie (IR): Thermografiebilder und -sequenzen mit Zeitstempel und Betriebszustand des Bauteils
  • Sichtprüfung (VT): Befundbilder, Messprotokolle, verknüpft mit der genauen Bauteilposition
  • Wirbelstrom (ET), RT, MT, PT: Prüfberichte, Filmscans oder digitale Detektoraufnahmen als verknüpfte Dokumente

Durch die Georeferenzierung aller Befunde können Trendanalysen über mehrere Prüfzyklen durchgeführt werden: Wächst ein Befund? Nimmt die Wanddicke an einer bestimmten Stelle kontinuierlich ab? Diese Informationen fließen in Restlebensdauerabschätzungen und risikobasierte Prüfplanung (RBI, Risk-Based Inspection) ein.

Simulationsgestützte Prüfplanung

Digitale Zwillinge ermöglichen die simulationsgestützte Prüfplanung: Mit FEM-basierten Schallfeldsimulationen (z. B. CIVA, openGEL) können Ultraschallprüfungen am virtuellen Bauteil vorab geplant, Prüfköpfe ausgewählt und Sensitivitäten für bestimmte Fehlertypen und -lagen berechnet werden. Dies reduziert den Aufwand für aufwendige Qualifizierungsversuche und erhöht die Prüfsicherheit. Ähnliche Ansätze existieren für die Strahlungssimulation bei RT und für elektromagnetische Simulationen bei ET.

Integration in Industrie 4.0 und Asset Management

Der digitale Zwilling ist ein zentrales Element der Industrie-4.0-Architektur: Er verbindet Sensordaten aus dem laufenden Betrieb (IoT-Sensorik für Vibration, Temperatur, Druck) mit ZfP-Befunden und ermöglicht eine kontinuierliche Zustandsüberwachung (Structural Health Monitoring, SHM). Im Asset-Management-System werden Wartungs- und Prüfentscheidungen datenbasiert getroffen.

Softwarebeispiele: COMOS (Siemens, für Prozessanlagen), SAP PM (Plant Maintenance, weit verbreitet in der Industrie), Meridium APM (Asset Performance Management, GE Digital). Speziellere ZfP-Datenverwaltungssysteme wie Olympus InspectionWorks oder herstellerunabhängige Plattformen ergänzen das Spektrum.

Herausforderungen

Die Implementierung digitaler Zwillinge in der ZfP ist mit erheblichen Herausforderungen verbunden: Die anfallenden Datenmengen (ein einziger PAUT-Scan kann mehrere Gigabyte umfassen) erfordern leistungsfähige Speicher- und Übertragungsinfrastrukturen. Die Standardisierung von Datenformaten (z. B. NDE 4.0, HDF5-basierte Formate der NDE-Community) ist noch im Gange. Zudem ist die Interoperabilität zwischen Systemen verschiedener Hersteller und Branchen eine offene Frage. Datenschutz, IT-Sicherheit und die Qualifikation des Personals im Umgang mit digitalen Plattformen sind weitere Faktoren, die die Einführung verlangsamen.

Sources & Further Reading